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Die Kalligraphie “shi” beinhaltet : “Wissen”, “erkennen”, “bedenken”.
Links befindet sich das Zeichen für “Worte“, die aus dem Mund kommen. In der Mitte ist das Zeichen für „Klang, Laut“. Rechts das Zeichen für „Schwert“ [Radikal 62]
“Worte, Lärm; und Leute sammeln sich, rüsten sich für den Krieg.“
Es werden Befehle gegeben, in den Krieg zu ziehen, und die Leute „wissen“ daher, was ihre Pflicht ist. [siehe auch CC. Wissen und der Krieg]
Wissen beinhaltet nicht nur ein Insichaufnehmen, sondern die Eingliederung der Information, in den Kern des eigenen Seins.
An jeglichem noch so abgelegenen Ort haben wir heute über unsere Elektronik Zugang zu Informationen. Die Bibliothek der Universität von Oxford, der interaktive Austausch über Mathematik,
die letzten Neuigkeiten aus aller Welt sind fĂĽr uns sofort abrufbar.
Aber das ist nicht dasselbe wie „Wissen“.
Wir verfügen über Anrufbeantworter, Faxgeräte und E-Mail. Aber bei genauem Hinsehen scheinen die Menschen nicht so sehr zu kommunizieren, sondern sind eher bemüht, etwas abzuladen.
Haben sie ihre Botschaften abgeschickt, fĂĽhlen sie sich, bei minimalem sozialen Aufwand oder Feedback, aller Verantwortung ledig.
In früheren Zeiten hatte man eine völlig andere Einstellung zum Wissen.
Viele der alten Meister waren Krieger, und sie mussten, wie das Zeichen „shi“ darstellt, wirklich das Schwert zu führen wissen, bevor sie bereit waren, in Dingen, in denen es um Leben und Tod ging,
darauf zu setzen.
Die Alten Meister lehrten, daĂź man nicht wirklich etwas wusste, solange das Wissen nicht Bestandteil der eigenen Seele geworden war.
So trainierten die Krieger, bevor sie mit dem Schwert loszogen, um ihre Muskeln kräftig und geschmeidig zu machen und Geschicklichkeit im Umgang und in der Führung der Waffe.
Dann trainierten sie weiter, bis ihre Schwertkunst Teil ihrer Reflexe wurde. Dann ĂĽbten sie weiter, bis ihre Fertigkeiten Bestandteil ihres Geistes wurden.
Dann machten sie ihren Geist leer, so daß ihre Fähigkeiten Teil ihres höheren Bewußtseins wurden. Erst dann sagten sie, daß sie genug wussten, um in die Schlacht zu ziehen.
Was verstehen wir heute unter Wissen?
Richtig! Wir verfügen über eine noch nie da gewesene Menge an Informationen, die uns in beispiellosem Maße zugänglich ist. Aber die Lösungen der wahren Fragen des Lebens
erhalten wir leider nicht über die bloße Übermittlung von Informationen, ganz gleich wie schnell und in welchem Umfang wir sie bekommen. Sie entstehen aus dem Wissen selbst, und „Wissen“ entsteht nur,
wenn wir uns die Antworten aus unserm eigenen Innersten wieder zu eigen gemacht haben.

Nach Deng Ming-Dao

Tao im Täglichen Leben [S. 81 ff.]
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