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Shikantaza
Bis jetzt haben wir und darauf konzentriert, unseren Atemzügen mit unserem geistigen Auge zu folgen und haben uns dabei lebhaft bemüht, das Einatmen wirklich als „Einatem“ zu spüren und im Ausatmen
wirklich den „Ausatem“ zu spüren. Von nun an wollen wir diese Übungsweise aufgeben und Shikantaza üben. Zwar ist es weder üblich noch wünschenswert, in der Praxis die verschiedenen Übungsmethoden zu schnell
zu wechseln. In dieser einführenden Vorlesung geht es jedoch auch darum, daß wir einen Vorgeschmack von den verschiedenen Formen von Konzentration zu bekommen. Was ist Shikantaza ?
“Shikan“ heißt in der Übersetzung „nichts als“ oder „nur“. „ta“ bedeutet soviel wie „antreffen“
und „za“ „sitzen“. Daher bedeutet Shikantaza „kraftvolles Sitzen“. Bei dieser Art des Sitzens benutzen wir
keine Hilfsmittel wie das Zählen oder Verfolgen der Atemzüge oder ein Koan, und so besteht hierbei viel eher
die Gefahr, daß wir in eine leeres, unkonzentriertes Sitzen verfallen. Daher ist für die Übung des Shikantaza die richtige geistige Haltung von entscheidender Bedeutung.
Was ist die richtige geistige Haltung ? Ein ruhiger, ausgeglichener und in sich verwurzelter Geist ist breit gegründet wie z.B. der heilige Berg Fuji.
Solch ein Geist ist wach und gespannt wie eine straffe Bogensehne (rinzen). Shikantaza ist eine Verfassung
erhöhter Präsenz, eine Verfassung, in der Du weder überspannt noch in Eile, weder lasch noch lässig bist. Diese Präsenz gleicht dem Geist eines Menschen, der um sein Leben kämpft.
Stellen wir uns vor, wir kämpften in einem Duell in jener Fechtkunst, die im alten Japan üblich war. Wenn wir unserem Gegner gegenüber stehen, sind wir jeden Augenblick wachsam, bestimmt und bereit.
Wir können es uns in keinem Augenblick leisten, in unserer Wachsamkeit nachzulassen, denn dann würden wir im gleichen Moment von unserem Gegner niedergeschlagen werden. Eine Menge Volk strömt zusammen,
um den Kampf zu sehen. Da wir nicht blind sind, sehen wir diese aus dem Winkel unseres Auges, und da wir nicht taub sind, hören wir sie auch. Aber in keinem Moment lässt unser Geist in seiner Wachsamkeit
nach, lässt sich nicht für eine Sekunde von den Sinneswahrnehmungen gefangen nehmen. Solche Verfassung lässt sich nicht für lange Zeit aufrechterhalten. Shikantaza sollte nie länger als
eine halbe Stunde geübt werden, da sie sonst der Entwicklung geistiger Kraft abträglich ist. Nach 30 Minuten der Übung stehen wir auf und üben das meditative gehen (kinhin), bevor wir dann wieder
mit der Sitzübung fortfahren können. Wenn das, was wir tun, echtes Shikantaza ist, wird unser Körper selbst in unbeheizten Räumen im Winter schweißbedeckt sein wegen der durch diese intensive Konzentration
erzeugten inneren Hitze. Wenn wir über einen zu langen Zeitraum hindurch sitzen, wird der Geist seine Kraft verlieren. Wir ermüden, und am Ende werden unsere Bemühungen weniger belohnt werden, als wenn wir uns
in der Übung des Shikantaza’s auf Zeiträume von 30 Minuten beschränkt hätten. Ein geübter Krieger scheint im Vergleich mit einem ungeübten Menschen viel ausgeglichener und ruhiger.
Aber ein Krieger hat eine lange und harte Schule hinter sich gebracht, in der er sich anstrengen musste, mit all seinen Kräften, um zu lernen, wie er sein Leben schützt. Um seine Kampfkünste zu vervollkommnen
übte er unentwegt und konzentriert alle Techniken von Angriff und Verteidigung, schulte sein Auge, sein Ohr, die Handgelenke und vieles mehr, bis er zu dem Punkt gekommen ist, wo er ohne Anstrengung handeln konnte.
Das gleiche gilt für Shikantaza. Zu Beginn der Übung ist es schwierig, ja anstrengend, diese anspruchsvolle und wache Geisteshaltung zu pflegen, aber mit dem Fortschritt, der Reifung der Übung wird die Anspannung
abgelöst von einer Haltung, Verfassung, in der unser Geist ganz natürlich und ausgeglichen ist, und dieses ohne die geringste Spur einer Anstrengung, obgleich unsre Wachsamkeit, unsre Wahrnehmung,
das Präsenzbewusstsein alles um uns erfasst. Genauso wie ein gut ausgebildeter und geübter Samurai in der Auseinandersetzung ohne die geringste Anstrengung sein Schwert zieht und nichts als die Abwehr
oder der Angriff zählt, wird unser Sitzen, wenn wir uns in der Übung des Shikantaza’s vervollkommnet haben, weder überspitzt noch zerstreut sein.
Wenn Ihr aber glaubt, Ihr könntet bereits am Anfang Eurer Übung mit der Haltung und dem Geist eines Shikantaza-Schülers wetteifern, so irrt Ihr Euch.
Auszug aus der Vorlesung „Über die Übung des Zen“ von Zen-Meister Hakuun Yasutani Roshi, englische Übersetzung von Philip Kapleau, aus dem englischen Text übertragen von G. von Minden. Gefunden in „Wunderbare Katze und andere Zen-Texte“
von Karlfried Graf Dürkheim 3. Auflage erschienen im O.W. Barth Verlag 1975

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